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Nüchternes Krafttraining: Wann die erste Mahlzeit wirklich kommen muss
Das “anabole Fenster” ist eines der hartnäckigsten Mythen im Fitnessbereich. 30 Minuten post-workout, sonst war alles umsonst — so lautet die klassische Version. Die Forschung hat diesen Mythos längst demontiert: Für die meisten Trainierenden ist es völlig egal, ob du dein Protein 30 Minuten oder 3 Stunden nach dem Training isst.
Es gibt aber eine Ausnahme. Und die wird im deutschsprachigen Raum fast immer übersehen.
Wenn du nüchtern trainierst — also morgens vor dem Frühstück oder nach mehr als 4 Stunden ohne proteinreiche Mahlzeit — kehrt sich die Evidenz teilweise um. Das Timing wird wieder relevant, aber aus einem ganz anderen Grund als früher behauptet. Dieser Artikel erklärt, was die Studienlage 2025 wirklich zu Nüchterntraining und Protein-Timing sagt.
Kurz und präzise
- Gefüttert trainiert: Das Fenster ist mehrere Stunden breit. Timing ist irrelevant, Tagesgesamtmenge zählt.
- Nüchtern trainiert: Die Aminosäurebilanz bleibt negativ, solange kein Protein kommt. Erste proteinreiche Mahlzeit idealerweise innerhalb von 1–2 Stunden, Dosis mindestens 0,4 g/kg Körpergewicht (ca. 25–40 g).
- Kein Muskelverlust durch Nüchterntraining, solange die Tagesproteinzufuhr stimmt (Vieira et al. 2025).
- Kohlenhydrate sind nicht erforderlich für die Hypertrophie-Antwort.
- BCAAs alleine sind keine Lösung — wenn Prä-Workout, dann 20 g Whey oder 6 g komplette EAAs.
- Für Frauen gilt dasselbe, unabhängig von der Zyklusphase.
Das anabole Fenster: Was die Forschung wirklich zeigt
Die moderne Protein-Timing-Debatte beginnt 2013 mit einer Meta-Analyse von Schoenfeld, Aragon und Krieger im Journal of the International Society of Sports Nutrition. Die drei werteten 20 Kraftstudien (478 Probanden) und 23 Hypertrophiestudien (525 Probanden) aus.
Rohergebnis: Ja, Proteinzufuhr innerhalb einer Stunde post-workout führte zu etwas mehr Hypertrophie als verzögerte Zufuhr. Aber — und das ist der Punkt — nach Kontrolle für die Tagesgesamtproteinzufuhr verschwand der Effekt fast komplett. Die Gruppen mit “frühem” Protein hatten schlichtweg mehr Gesamtprotein gegessen. Timing war ein Scheineffekt.
Schoenfeld et al. 2017 lieferten vier Jahre später die direkte RCT-Bestätigung. 21 trainierte Männer bekamen über 10 Wochen entweder 25 g Protein unmittelbar vor oder unmittelbar nach dem Training — mit der Auflage, drei Stunden vor bzw. nach der anderen Bedingung nichts zu essen. Das Ergebnis: Kein deutlicher Unterschied in Kraft oder Hypertrophie. Squat-1RM stieg in beiden Gruppen um 3,7–4,9 %, Hypertrophiemessungen waren vergleichbar.
Die Autoren schrieben direkt: “Diese Ergebnisse widerlegen die Behauptung eines engen post-exercise anabolen Fensters.”
Zwei neuere Meta-Analysen (2024 und 2025) bestätigen dieses Bild. Der wissenschaftliche Konsens ist so fest wie er sein kann: Für gefütterte Trainierende zählt die Tagesgesamtmenge, nicht das Timing.
Aber genau hier beginnt die Nuance, die in den meisten deutschsprachigen Fitnessartikeln verloren geht.
Die Ausnahme: Was passiert, wenn du nüchtern trainierst
Aragon & Schoenfeld (2013) — ihr Paper “Nutrient timing revisited” ist das meistgelesene in der Geschichte des Journal of the International Society of Sports Nutrition — differenzieren explizit zwischen zwei Szenarien:
Szenario 1: Gefüttert trainiert (Mahlzeit 1–2 Stunden vor dem Training) Die pre-workout Aminosäuren zirkulieren laut Tipton et al. noch etwa 2 Stunden nach dem Training im Blut. Die Aminosäurebilanz bleibt positiv, der Muskel hat Substrat. Die nächste geplante Mahlzeit reicht — egal ob 1, 2 oder 3 Stunden später.
Szenario 2: Nüchtern trainiert (mehr als ~3–4 Stunden seit der letzten proteinreichen Mahlzeit) Hier kippt die Physiologie. Die Autoren schreiben wörtlich:
“During fasted exercise, a concomitant increase in muscle protein breakdown causes the pre-exercise net negative amino acid balance to persist.”
Zu Deutsch: Im nüchternen Zustand läuft der Muskelabbau parallel zur Synthese auf Hochtouren. Die Nettobilanz bleibt negativ, solange keine Aminosäuren von außen kommen. Und genau deshalb — nur deshalb — wird Post-Workout-Timing in diesem Szenario relevant.
Ihre konkrete Empfehlung:
“For those training more than ~3–4 hours after the preceding meal, consuming protein (at least 25 g) as soon as possible seems warranted in order to reverse the catabolic state.”
Das ist die präziseste Empfehlung, die die Literatur bietet: Mindestens 25 g Protein, so bald wie möglich.
Was die Muskelproteinsynthese tatsächlich macht
Phillips et al. (1997) haben in einer klassischen Studie im American Journal of Physiology gezeigt, dass die Muskelproteinsynthese nach Widerstandstraining bis zu 48 Stunden erhöht bleibt — ein langes “sensitives Fenster”. Aber der entscheidende Nebenbefund wird oft übersehen: Im nüchternen Zustand ist zwar die Synthese erhöht, der Abbau aber auch. Ohne exogene Aminosäuren bleibt die Bilanz negativ.
Mit anderen Worten: Der Muskel ist nach dem Training stundenlang “anabol-empfänglich”, aber er kann ohne Aminosäuren nichts daraus machen. Im gefütterten Zustand ist das kein Problem, weil ständig Aminosäuren zirkulieren. Im nüchternen Zustand ist es der zentrale Engpass.
Noch interessanter wird es bei Deldicque et al. (2010) im European Journal of Applied Physiology. Die Studie hatte ein Crossover-Design mit 6 jungen Männern: einmal Training nach kohlenhydratreichem Frühstück, einmal nüchtern. In beiden Fällen gab es danach 4 Stunden lang eine Carb-Protein-Leucin-Lösung.
Ergebnis: Die p70S6K-Phosphorylierung während der Erholungsphase war in der nüchternen Bedingung deutlich höher (p = 0,02). p70S6K ist ein zentrales Signalmolekül der Muskelproteinsynthese — je mehr aktiviert, desto mehr Syntheseantrieb.
Die Autoren folgerten:
“Prior fasting may stimulate the intramyocellular anabolic response to ingestion of a carbohydrate/protein/leucine mixture following heavy resistance training.”
Zu Deutsch: Der nüchterne Muskel reagiert stärker auf die anschließende Proteingabe. Die Voraussetzung ist nur: Die Gabe muss kommen.
Das ist mechanistisch faszinierend, aber ich will vorsichtig bleiben — die Studie hatte nur 6 Probanden und misst Signaling-Marker, keine Langzeit-Hypertrophie. Die Richtung der Evidenz ist aber klar: Nüchterntraining schafft ein empfängliches Fenster, und das Post-Workout-Protein ist der Schlüssel, der passt.
Was passiert, wenn du das Post-Workout-Protein verschiebst?
Ehrlich gesagt: Es gibt keinen direkten RCT, der bei nüchternen Kraftsportlern Hypertrophie-Outcomes bei sofortigem vs verzögertem Protein (30 Minuten vs 2 Stunden vs 4 Stunden) vergleicht. Das ist eine echte Lücke in der Literatur.
Was wir haben, ist eine Ableitung aus drei Datensätzen:
- Phillips 1997: Der Muskel bleibt stundenlang anabol-empfänglich (Synthese-Fenster ist breit).
- Phillips 1997 & nachfolgende Arbeiten: Im nüchternen Zustand bleibt die Nettobilanz ohne Aminosäuren negativ (Abbau läuft mit).
- Aragon & Schoenfeld 2013: Das empfohlene Fenster ist “so bald wie möglich” plus maximal 3–4 Stunden bis zur nächsten Mahlzeit.
Daraus ergibt sich eine pragmatische Empfehlung von 1–2 Stunden nach dem Nüchterntraining. Das ist früh genug, um die negative Bilanz zu drehen, und spät genug, um im Alltag machbar zu sein. Es ist kein magisches Fenster, das sich nach 61 Minuten schließt — es ist eine Prioritätenfrage.
Wer es wissenschaftlich sauber formulieren will: Die 1–2-Stunden-Regel ist eine mechanistisch plausible, aber nicht direkt validierte Empfehlung. Sie ist die beste verfügbare Antwort auf eine Frage, zu der die RCT-Literatur schweigt.
Die 2025 Meta-Analyse: Nüchtern-Krafttraining im direkten Vergleich
Das brandneue Paper von Vieira et al. (2025) im Journal of Bodywork and Movement Therapies ist die erste systematische Review, die Krafttraining im nüchternen vs gefütterten Zustand direkt pooled. Die Ergebnisse nach 4 eingeschlossenen RCTs:
| Endpunkt | SMD | 95 % KI | p-Wert |
|---|---|---|---|
| Fettfreie Masse | 0,529 | −0,801 bis 1,859 | 0,436 |
| Muskelhypertrophie | 0,645 | −0,753 bis 2,042 | 0,366 |
| Kraft | 0,415 | −0,399 bis 1,228 | 0,318 |
| Körperfett | −1,001 | −1,970 bis −0,032 | 0,043 |
Fazit der Autoren:
“Resistance training performed in fasted and fed states appears to have similar effects on body composition, muscle hypertrophy and strength, particularly when sessions follow an overnight fast.”
Wichtig — und ehrlich: Nur 4 Studien, 3 davon mit hohem Bias-Risiko, sehr weite Konfidenzintervalle. Das ist eine “kein Signal”-Aussage aus dünner Literatur, kein starker Äquivalenzbeweis. Was es schon sagt: Es gibt keine Hinweise auf Muskelabbau oder Kraftverlust durch nüchternes Krafttraining, wenn die Tagesernährung stimmt.
Unterstützend dazu die 8-Wochen-RCT von Moro et al. (2016) im Journal of Translational Medicine: 34 trainierte Männer in einem 16/8 Time-Restricted-Feeding-Protokoll (Essen zwischen 13 und 21 Uhr, Training morgens = nüchtern). Ergebnis: Fettmasse sank, fettfreie Masse blieb erhalten, Kraft stieg in beiden Gruppen gleich. Voraussetzung war eine Gesamtproteinzufuhr von etwa 1,9 g/kg.
Die Botschaft ist konsistent: Nüchtern trainieren schadet nicht, solange der Rest des Tages stimmt.
Kohlenhydrate: Braucht es sie wirklich?
Die alte Regel “Protein plus Kohlenhydrate plus Insulinspike” ist widerlegt. Staples et al. (2011) im Journal of Applied Physiology haben es direkt getestet: 25 g Whey alleine versus 25 g Whey plus 50 g Maltodextrin. Kein Unterschied in der Muskelproteinsynthese.
Der Grund: Ab etwa 25 g Protein ist die Insulinantwort bereits ausreichend, um den Muskelabbau zu hemmen. Zusätzliche Kohlenhydrate schrauben die Insulinantwort zwar höher, aber die Synthese läuft schon am Anschlag. Aragon & Schoenfeld (2013) fassen es so zusammen:
“Carbohydrates unaccompanied by protein are unable to generate a positive protein balance and stimulate skeletal muscle hypertrophy.”
Kohlenhydrate sind für die Glykogen-Resynthese wichtig — also wenn du am selben Tag eine zweite intensive Einheit planst oder ausdauerdominiert trainierst. Für reine Hypertrophie sind sie nicht der Hebel.
Praktisch: Nach deinem Nüchtern-Krafttraining reichen 25–40 g hochwertiges Protein (Quark, Skyr, Whey, Eier, Hüttenkäse). Ob Haferflocken oder Beeren dazukommen, ist Geschmackssache — für den Muskelaufbau macht es nichts aus.
BCAAs vor dem Training: Die Marketing-Falle
Eine beliebte “Lösung” für Nüchterntraining lautet: “Nimm BCAAs vor dem Training, damit brichst du das Fasten nicht, aber der Muskel ist versorgt.” Die Idee klingt plausibel. Die Evidenz sagt etwas anderes.
Jackman et al. (2017) zeigten in Frontiers in Physiology, dass isolierte BCAAs (Leucin, Isoleucin, Valin) nur etwa 22 % des Muskelproteinsynthese-Effekts einer kompletten essenziellen Aminosäure-Gabe erreichen. Der Mechanismus: BCAAs triggern das Leucin/mTOR-Signaling, aber die anderen sechs essenziellen Aminosäuren fehlen. Der Muskel muss sie aus körpereigenem Protein ziehen, was die Synthese ratelimitiert.
Oder kurz: BCAAs signalisieren “Fütterung”, liefern aber kein echtes Baumaterial. Sie sind in fast jedem Szenario eine schlechtere Wahl als komplette Proteinquellen.
Wenn du das Fasten biologisch brechen willst, ohne schwere Mahlzeit, gibt es zwei bewährte Optionen:
- 20 g Whey 15–30 Minuten vor dem Training. Das schafft laut Tipton et al. (2001, 2007) einen Aminosäure-Carryover von etwa 2 Stunden post-workout — und macht die Frage nach dem Post-Workout-Timing nachträglich irrelevant.
- 6 g komplette EAAs (essenzielle Aminosäuren) statt BCAAs. Kleinere Dosis, geringere Kalorienlast, aber mit allen neun essenziellen Aminosäuren.
Der ISSN Position Stand zu EAAs (2023) bestätigt: 6–12 g komplette EAAs sind effektiv. BCAAs alleine werden nicht empfohlen.
Beide Optionen verwandeln dein Nüchterntraining technisch in gefüttertes Training — und damit verschiebt sich der ganze Post-Workout-Druck. Wer wirklich nüchtern trainieren will, lässt sie weg und nimmt stattdessen das Protein zeitnah nach dem Training.
Gilt das auch für Frauen?
Ja, und zwar ohne Zyklus-Asterisk. Das ist ein Gerücht, das im deutschsprachigen Raum besonders zäh ist: “Frauen müssen ihr Training nach Follikel- und Lutealphase planen, der Muskelstoffwechsel läuft anders.”
Wohlgemuth et al. (2024) haben es im Journal of Physiology direkt getestet. Junge Frauen wurden während Peak-Östrogen und Peak-Progesteron mit kontrolliertem Widerstandstraining und Stabilisotopen-Messungen der Muskelproteinsynthese untersucht. Das Ergebnis:
- Follikelphase: MPS-Rate 1,33 ± 0,27 %/Tag (Kontrolle) vs 1,52 ± 0,27 %/Tag (Exercise)
- Lutealphase: MPS-Rate 1,28 ± 0,27 %/Tag (Kontrolle) vs 1,46 ± 0,25 %/Tag (Exercise)
Deutlicher Exercise-Effekt (p < 0,001), kein Effekt der Zyklusphase, keine Interaktion. Die Autoren:
“Fluctuations in endogenous ovarian hormones influenced neither muscle protein synthesis nor myofibrillar protein breakdown in response to resistance exercise.”
Für Nüchterntraining heißt das: Die 1–2-Stunden-Empfehlung gilt für Frauen genauso wie für Männer. Es gibt keinen Grund, die Strategie nach Zyklusphase anzupassen.
Nüchtern-Cardio vs Nüchtern-Kraft: Die häufigste Verwechslung
Ein großer Teil der “Nüchterntraining”-Literatur dreht sich um Cardio und Fettverlust — und diese Studien werden oft fälschlich aufs Krafttraining übertragen. Das ist ein Fehler.
Schoenfeld et al. (2014) haben 20 Frauen in einer hypokalorischen Diät 4 Wochen lang entweder nüchtern oder gefüttert auf dem Laufband trainieren lassen. Ergebnis: Gleicher Fett- und Gewichtsverlust in beiden Gruppen. Der oft gehörte Mythos “Nüchtern-Cardio verbrennt mehr Fett” ist damit widerlegt.
Die Datenlage für Nüchtern-Cardio und Nüchtern-Kraft sind aber nicht identisch:
- Bei Cardio geht es um Substratoxidation und Kalorienbilanz. Nüchtern ändert akut den Fettstoffwechsel, aber über 24 Stunden gleicht sich das aus.
- Bei Kraft geht es um die Aminosäurebilanz und den Hypertrophie-Stimulus. Hier ist die relevante Frage nicht “nüchtern oder nicht”, sondern “wann kommt das Post-Workout-Protein?”
Wenn du einen Artikel liest, der “Nüchterntraining” undifferenziert behandelt, sei misstrauisch. Die Fragen sind unterschiedlich, die Antworten auch.
Praktische Empfehlungen
Wenn du morgens vor dem Frühstück trainierst oder mehr als 4 Stunden seit deiner letzten proteinreichen Mahlzeit verstrichen sind, ergibt sich aus der Evidenz folgendes Protokoll:
Variante 1 — Echt nüchtern (einfachste Option)
- Training im komplett nüchternen Zustand (Wasser, Kaffee ohne Milch OK)
- Erste proteinreiche Mahlzeit innerhalb von 1–2 Stunden nach dem Training
- Mindestens 25–40 g hochwertiges Protein (ca. 0,4 g/kg Körpergewicht)
- Beispiele: 500 g Magerquark, 40 g Whey-Shake mit Milch, 4 Eier plus Quark, 200 g Skyr plus Proteinpulver
- Kohlenhydrate optional, nicht erforderlich für Hypertrophie
Variante 2 — “Nüchternbrecher” prä-workout (für wer mit leerem Magen schlecht trainiert)
- 20 g Whey-Shake oder 6 g komplette EAAs 15–30 Minuten vor dem Training
- Post-Workout-Mahlzeit dann entspannt innerhalb der nächsten 3–4 Stunden
- Technisch kein “echtes” Nüchterntraining mehr, aber physiologisch praktisch gleichwertig
Was du NICHT brauchst:
- BCAAs (schlechtere Form als komplette EAAs)
- Schnelle Kohlenhydrate post-workout (außer du trainierst zweimal täglich)
- Ein 30-Minuten-Ultrasprint zur Proteinmahlzeit
- Eine andere Strategie je nach Zyklusphase (für Frauen)
Was immer wichtiger ist als Timing:
- Tagesgesamtproteinzufuhr von 1,6–2,2 g/kg Körpergewicht — siehe Proteinbedarf für Muskelaufbau
- Gleichmäßige Verteilung auf 3–4 Mahlzeiten, je etwa 0,4 g/kg Protein
- Kalorienbilanz passend zum Ziel (Aufbau, Halten, Definition)
Ehrliche Limitationen dieser Empfehlungen
Ich will nicht so tun, als wäre die Sache mit einer perfekten RCT abgeschlossen. Hier sind die echten Unsicherheiten:
-
Kein direkter RCT vergleicht bei nüchternen Kraftsportlern Hypertrophie-Outcomes bei sofortigem vs 2h vs 4h Post-Workout-Protein. Die 1–2-Stunden-Empfehlung ist mechanistisch abgeleitet, nicht direkt gemessen.
-
Die 2025 Fasted-RT-Meta (Vieira et al.) basiert auf nur 4 Studien mit hohem Bias-Risiko. Das ist ein “kein Signal”-Ergebnis aus wenig Daten, kein Äquivalenzbeweis.
-
Deldicques Signaling-Befund zur erhöhten p70S6K-Antwort im nüchternen Zustand kommt aus einer n=6-Studie mit kurzfristigen Biomarkern, nicht Langzeit-Hypertrophie.
-
Die 3–4-Stunden-Schwelle zum “nüchternen” Zustand stammt aus Aragon & Schoenfelds Expertenreview, nicht aus einem Experiment, das diese exakte Zahl getestet hätte.
Was daraus folgt: Wer diese Empfehlungen befolgt, macht mit hoher Wahrscheinlichkeit nichts falsch. Wer sie leicht abwandelt (1 Stunde vs 2 Stunden, 30 g statt 25 g, Quark statt Whey), vermutlich auch nicht. Die Effekte sind klein genug, dass sie in den meisten Studien nicht detektierbar sind — und groß genug, dass der zugrundeliegende Mechanismus physiologisch plausibel bleibt.
Fazit: Das einzige Szenario, in dem Timing wirklich zählt
Für den Großteil der Trainierenden ist die Antwort auf “wann soll ich mein Protein essen” erstaunlich entspannt: Wenn es dir passt. Die Tagesgesamtmenge bestimmt fast alles, das Timing fast nichts.
Die einzige Ausnahme ist das nüchterne Training. Und hier dreht sich das Argument nicht um ein magisches 30-Minuten-Fenster, sondern um eine simple biologische Tatsache: Der Muskel kann ohne Aminosäuren keinen Nettoaufbau betreiben. Wenn die letzte Mahlzeit 8–12 Stunden her ist und das Training vorbei ist, zählt die nächste Mahlzeit, nicht als Panikreaktion, sondern als Startpunkt für die eigentliche Proteinsynthese-Kaskade.
Die klare Empfehlung aus der Forschung lautet deshalb: Nach nüchternem Krafttraining innerhalb von 1–2 Stunden mindestens 25–40 g hochwertiges Protein. Kein BCAA-Gimmick, keine Kohlenhydrat-Verpflichtung, keine Zyklusphasen-Planung. Nur eine ordentliche proteinreiche Mahlzeit, zeitnah nach dem Training.
Alles andere ist Marketing.
Weiterlesen
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Quellen
- Aragon, A. A., & Schoenfeld, B. J. (2013). Nutrient timing revisited: is there a post-exercise anabolic window? Journal of the International Society of Sports Nutrition, 10(1), 5. PubMed 23360586
- Deldicque, L., et al. (2010). Increased p70s6k phosphorylation during intake of a protein–carbohydrate drink following resistance exercise in the fasted state. European Journal of Applied Physiology, 108(4), 791–800. PubMed 20187284
- Jackman, S. R., et al. (2017). Branched-chain amino acid ingestion stimulates muscle myofibrillar protein synthesis following resistance exercise in humans. Frontiers in Physiology, 8, 390.
- Jäger, R., et al. (2017). International Society of Sports Nutrition Position Stand: protein and exercise. Journal of the International Society of Sports Nutrition, 14, 20. PMC5477153
- Kerksick, C. M., et al. (2017). ISSN Position Stand: Nutrient Timing. Journal of the International Society of Sports Nutrition, 14, 33. PMC5596471
- Moro, T., et al. (2016). Effects of eight weeks of time-restricted feeding (16/8) on basal metabolism, maximal strength, body composition, inflammation, and cardiovascular risk factors in resistance-trained males. Journal of Translational Medicine, 14, 290. PMC5064803
- Phillips, S. M., et al. (1997). Mixed muscle protein synthesis and breakdown after resistance exercise in humans. American Journal of Physiology, 273(1 Pt 1), E99–107. PMC1474760
- Schoenfeld, B. J., Aragon, A. A., & Krieger, J. W. (2013). The effect of protein timing on muscle strength and hypertrophy: a meta-analysis. Journal of the International Society of Sports Nutrition, 10, 53. PMC3879660
- Schoenfeld, B. J., et al. (2017). Pre- versus post-exercise protein intake has similar effects on muscular adaptations. PeerJ, 5, e2825. PMC5214805
- Schoenfeld, B. J., et al. (2014). Body composition changes associated with fasted versus non-fasted aerobic exercise. Journal of the International Society of Sports Nutrition, 11, 54. PMC4242477
- Staples, A. W., et al. (2011). Carbohydrate does not augment exercise-induced protein accretion versus protein alone. Medicine & Science in Sports & Exercise, 43(7), 1154–1161.
- Tipton, K. D., et al. (2001). Timing of amino acid-carbohydrate ingestion alters anabolic response of muscle to resistance exercise. American Journal of Physiology — Endocrinology and Metabolism, 281(2), E197–206. PubMed 11440894
- Vieira, A. F., et al. (2025). Resistance training performed in the fasted state compared to the fed state on body composition and strength in adults: A systematic review with meta-analysis. Journal of Bodywork and Movement Therapies, 45. PubMed 41316673
- Wohlgemuth, K. J., et al. (2024). Menstrual cycle phase does not influence muscle protein synthesis or whole-body myofibrillar proteolysis in response to resistance exercise. Journal of Physiology. PMC11870050